Monatsbilder

Jedes Bild hat eine Geschichte, der Augenblick der Entstehung – so kurz wie ein Wimpernschlag – wird für immer konserviert. Jeden Monat erzähle ich  in der Rubrik "Monatsbilder" die Story hinter einer meiner Fotografien. Dazu präsentiere ich immer ein für mich besonderes Bild aus meinem Portfolio und teile Hintergründe zu Entstehung und Technik.


Monatsbild Oktober 2020

Fressender Austernfischer fotografiert von  André Marti mit einer Canon EOS 90D.
Der Austernfischer war bei der Nahrungssuche erfolgreich.

Austernfischer auf Nahrungssuche

Der Austernfischer ist einer der häufigsten Watvögel an der Nordseeküste. Er fällt nicht nur durch seinen roten Schnabel und sein schwarzweisses Federkleid auf. Auch mit seinen typischen Rufen macht dieser Vogel immer auf sich aufmerksam. Bei Flut rasten Austernfischer in grossen Gruppen an vor Räubern geschützten Stellen. Ständig werden dabei Streitereien um die besten Plätze ausgetragen, was schon aus der Ferne deutlich zu vernehmen ist. Sobald der Wasserpegel sinkt, werden die Tiere aktiv und begeben sich ins Watt, um auf Nahrungssuche zu gehen. Bei Ebbe verteilen sie sich auf diese Weise weit im Wattenmeer. Bei einsetzender Flut kehren die Vögel wieder in die Nähe des Festlandes zurück.


Dieses Bild entstand einige hundert Meter von der Küste entfernt im Watt. An manchen Stellen sind die Austernfischer an Menschen gewohnt und zeigen wenig Scheu, vorausgesetzt, man verhält sich ruhig. Mit viel Glück kann man beobachten, wie die Vögel ihre Nahrungshappen verschlingen. Ihre Diät besteht vor allem aus Insekten, Wattwürmern und Muscheln, die sich im Schlick in Reichweite des Schnabels befinden. Austernfischer sind in der Lage, mit ihrem Schnabel Muscheln zu öffnen, um an das nahrhafte Fleisch zu kommen.

 

Technische Daten: Canon EOS 90D | 600 mm | f/5.6 | 1/800 s | ISO 800 | Stativ


Monatsbild September 2020

Abstraktes Bild des Aletschgletschers fotografiert von  André Marti mit einer Canon EOS R.
Herrliche Farben und Formen in der zerklüfteten Oberfläche des Aletschgetschers. Es ist fraglich, wie lange dieses Naturjuwel noch besteht.

Aletschgletscher abstrakt

Der Aletschgletscher ist der längste Eisstrom der Alpen. Seine Oberfläche bietet mit zahllosen Spalten und Furchen einen unvergleichlichen und zugleich faszinierenden Anblick. Der Blick wandert über Strukturen, die von weiss bis nahezu völlig schwarz alle Graustufen zeigen. An manchen Stellen leuchtet das Eis blau. Lose Gesteinsbrocken, teils metergross, liegen auf dem Gletscher und durchbrechen mit rötlicher Farbe die Verläufe des gefrorenen Elementes. Die Fülle an grafischen Motiven, die alle von einem einzigen Standpunkt aus ersichtlich sind, ist überwältigend. Es ist ein Ort, der einen fühlen lässt, wie verletzlich ein System ist.

 

An heissen Sommertagen verliert der Aletschgletscher täglich bis zu 20 cm an Dicke. Die Felsen rund um den Gletscher zeigen durch Struktur- und Farbunterschiede deutlich, bis wohin das Eis noch bis ungefähr in die Mitte des 19. Jahrhunderts ragte. Nirgends werden die Spuren des Klimawandels so deutlich wie hier. Es ist ein Ort, den man nicht mehr verlassen möchte, im Wissen, dass das Eis unaufhörlich schwindet und nie wieder so aussehen wird wie im Augenblick.

 

Technische Daten: Canon EOS R | 300 mm | f/10 | 1/640 s | ISO 500 | Stativ


Monatsbild August 2020

Blässhuhn mit Jungtier bei der Fütterung fotografiert von  André Marti mit einer Canon EOS R.
Emsig taucht das Blässhuhn-Elterntier nach Kleinstlebewesen zur Fütterung seines Küken, welches den Leckerbissen bereits sehnlichst erwartet.

Blässhuhn bei der Fütterung

Aussergewöhnliche Perspektiven verlangen spezielle Vorgehensweisen: Nein, dieses Bild entstand nicht vom Seeufer aus. Es ist das Produkt aufwändiger Vorbereitung und vorsichtiger Umsetzung.

Schon seit einigen Jahren hatte ich immer wieder über Möglichkeiten nachgedacht, Wasservögel aus der Nähe und auf Augenhöhe zu fotografieren. Den Aufwand und die Risiken für das Equipment waren aber der Grund, dass ich es bisher beim Nachdenken belassen hatte. Denn die Aufnahme solcher Bilder gelingt am besten, wenn man als Fotograf selber ins Wasser geht. In diesem Sommer war es soweit und ich evaluierte verschiedene Möglichkeiten, ein Schwimmversteck anzuschaffen. Ich entschied mich aus Kostengründen für den Selbstbau - das Projekt war ja schliesslich immer noch ein Experiment. Das Schwimmversteck war schnell konstruiert und auch rasch gebaut. Seine Grösse reicht aus, dass ich mich darin verstecken kann und gleichzeitig die Kamera mit dem langen Teleobjektiv auf einem Gimbal Head sicher darin unterbringen kann. Einem ersten Test konnte schon bald nichts mehr im Weg stehen. Ich begab mich an einer geeigneten Stelle mit dem Versteck ins flache Wasser und beobachtete die Wasservögel einmal aus einer ganz anderen Perspektive. Bevor es zu diesem Bild kam, verbrachte ich über eine Stunde im kühlen Nass. Plötzlich näherte sich ein Blässhuhn-Elternpaar mit Kücken. Emsig reichten die Alttiere den Küken kleine Wasserinsekten, nach denen sie immer wieder tauchten. Den Moment der Fütterung wollte ich unbedingt festhalten, was schlussendlich auch gelungen ist.

 

Technische Daten: Canon EOS R | 600 mm | f/5.6 | 1/1000 s | ISO 5000 | Schwimmversteck, Gimbal Head


Monatsbild Juli 2020

Wasserfrosch mit Fliege fotografiert von André Marti mit einer Canon EOS 90D
Gebannt beobachtet der Wasserfrosch seine potentielle Beute.

Der Wasserfrosch und die Fliege

Fasziniert vom Revierverhalten mehrerer Wasserfrösche lag ich bäuchlings am Uferrand eines Teiches und beobachtete das Geschehen aus einer gewissen Entfernung. Immer wieder begannen alle Frösche wie auf Kommando zu rufen, um kurz danach wieder zu verstummen. Für mich die Gelegenheit: Ich wollte unbedingt einen Wasserfrosch mit sichtbaren Schallblasen fotografieren!

Diese Idee klingt einfach, sie ist aber nicht so leicht umsetzbar. Die Frösche sind ständig in Bewegung. Schon wenige Zehntelmillimeter entscheiden darüber, ob das Auge des Tieres noch im Fokusbereich liegt. Selbst bei einer schnellen Kamera dauert die Verzögerung des Autofokus in so einem Moment eine gefühlte Ewigkeit und die Kamera hinkt dem Geschehen immer hinterher. Solche Bilder entstehen deshalb am einfachsten mit manuellem Fokus und im Serienbild-Modus. Auf diese Weise besteht am ehesten die Möglichkeit, den richtigen Augenblick festhalten zu können, also der Moment, wenn der Frosch seine Schallblasen auf beiden Kopfseiten zeigt. Den Moment zu erwischen, wenn eine Fliege das Bild durchquert, ist hingegen kaum planbar. Diese Fotografie  fand ich erst, als ich die Bilder dieses Fototages am Computer sichtete. Während der Aufnahme bemerkte ich die Fliege gar nicht. Umso grösser ist die Freude an diesem Bild.


Technische Daten: Canon EOS 90D | 600 mm | f/5.6 | 1/1000 s | ISO 640 | Bohnensack


Monatsbild September 2019

Moorsee in Norwegen, Uferzone mit Bäumen
Norwegen ist reich an Moorgebieten mit unterschiedlich grossen Seen und Teichen. Die herrlichen Farben und Formen der Uferzone wirken wie ein Gemälde.

Auf Motivsuche an einem Moorsee in Norwegen

Die Suche nach interessanten Fotomotiven ist oft eine Herausforderung – vor allem dann, wenn das Bild das Gesehene nicht einfach nur dokumentieren soll. Mein Anspruch ist es, etwas so darzustellen, dass es nicht nur dessen Schönheit zeigt, sondern auch zum Denken anregt und eine persönliche Note enthält.

Im August war ich an einem kleinen Moorsee in einem Waldstück im südlichen Norwegen unterwegs. Inzwischen weiss ich, dass es eine gewisse Anlaufzeit braucht, bis der kreative Prozess seinen Anfang findet. An besagtem Tag war dies nicht anders. Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass zu viele Möglichkeiten in Bezug auf die zur Verfügung stehende Technik – also viele Objekte und unterschiedliche Kameras im Fotorucksack – nicht etwa bereichernd sind, sondern eine der grössten Kreativitätsbremsen darstellen. Aus diesem Grund verwendete ich an dem Tag ausschliesslich ein Teleobjektiv mit fester Brennweite, nämlich mein EF 300mm f/2.8 L IS II USM von Canon. Diese Linse zählt nicht nur optisch zur Spitzenklasse aller zurzeit erhältlichen Objektive, die Verwendung macht auch unheimlich Spass, weil Haptik und Funktionalität einfach sitzen. Zudem verhindert eine Festbrennweite eine gewisse Faulheit, den Bildausschnitt nur durch Drehen am Zoomring bestimmen zu wollen. Ein Bild zu kreieren heisst in diesem Fall, die Aufnahmeposition genau zu wählen und die Beine zu gebrauchen.

So schlenderte ich dem Seeufer entlang und tauchte ein in die Stille und in die Gedanken. Langsam legten sich erste Wolken vor die Sonne und das Licht wurde weicher. Ich nutzte die windstillen Phasen, um die Uferzone gegenüber zu fotografieren und die Wasseroberfläche ins Bild zu integrieren. Die Ruhe und die Klarheit des Momentes waren eingefangen.


Technische Daten: Canon EOS 5D Mark IV | 300 mm | f/10 | 1/400 s | ISO 2000 | Freihand-Aufnahme


Monatsbild August 2019

Dachs im Wald in der Schweiz fotografiert von André Marti mit einer Canon EOS 5D Mark IV
Dachse fristen ein sehr zurückgezogenes Dasein. Tagsüber ruhen sie in ihren Höhlen. Erst nach der Abenddämmerung werden sie aktiv. Zu Gesicht bekommt man sie nur selten, auch wenn sie oft in der Nähe menschlicher Siedlungen leben.

Dem Dachs auf der Spur

Schon lange hegte ich den Plan, in einem nahe gelegenen Wald Füchse zu fotografieren. Den Bau mit den zahlreichen Eingängen kannte ich schon seit Jahren. Noch nie hatte ich aber in der Umgebung auch nur ein Tier gesehen. Auch wenn bekannt ist, dass Füchse oft Dachsbauten bewohnen – an Dachse dachte ich zu dieser Zeit nicht. Diese Marderartigen leben derart zurückgezogen, dass man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Entsprechend erstaunt war ich, als ich bei meiner Recherche auf Dachse traf und nicht wie geplant auf Füchse.
Für dieses Bild positionierte ich mich vor Anbruch der Morgendämmerung 12 Meter vom Bau entfernt und machte mich mit einem Tarnnetz unsichtbar. Über einen Zeitraum von über zwei Stunden sah ich drei Dachse, die von ihren nächtlichen Streifzügen durch den Wald heimkehrten. Das Tier auf dem Bild blieb vor dem Bau stehen, um sich der morgendlichen Fellpflege zu widmen. Dies war auch nötig, der Dachs hatte während der Nacht einen grossen Haufen Erdreich aus dem Bau an die Oberfläche befördert. Ein Teil des hellbraunen Staubes landete beim emsigen Graben auf seinem Rücken.
Das Bild entstand unter sehr schwachem Licht. Die Kameraeinstellungen sind absolute Extremwerte und verdeutlichen, was mit aktuellen Kameramodellen alles möglich ist.

Technische Daten: Canon EOS 5D Mark IV | 600 mm | f/5.6 | 1/25 s | ISO 12500 | Stativ mit Gimbal Head, Tarnnetz


Monatsbild Juli 2019

Landschaftsbild einer Düne mit Akazie in der Wüste Namib in Namibia
Diese Akazie in der Wüste Namib in Namibia ist für mich einer der schönsten Bäume überhaupt. Die Form ist unverwechselbar und widerspiegelt Namibia perfekt: Die eine Hälfte des Baumes ist ausgedörrt, die andere strotzt dennoch vor Leben.

Meine Düne, Mein Baum

Als ich im Jahre 2014 bei meiner ersten Reise nach Namibia die berühmte Düne 45 (Dune 45) in der Namib sah, war isch enttäuscht. Der Dünenkamm war schon am frühen Morgen von den Tagestouristen zertrampelt und zahlreiche Menschen eilten den steilen Sandberg hinauf, um als erstes oben zu sein. Ans Fotografieren dachte ich bei diesem Anblick nicht, denn dafür wollte ich meine persönliche Düne finden.
Bei der Rückfahrt aus dem Park am Abend fiel mir ein Baum auf, der dicht vor einer Düne stand. Die eine Hälfte des Baumes war vertrocknet, die andere grün. Auch die Düne war zweigeteilt – die eine Seite bereits im Schatten, die andere intensiv beleuchtet von der untergehenden Sonne. Ich war überwältigt von diesem Anblick. Auf meiner Reise 2019 konnte ich diesen Ort erneut besuchen und dabei diese Aufnahme machen. Dieses Mal wehte ein leichter Wind, sodass sich im oberen Teil der Düne Sandverwehungen bildeten, was ich mit der langen Verschlusszeit festhalten konnte.

Technische Daten: Canon EOS 5D Mark IV | 98 mm | f/9 | 1/25 s | ISO 50 | Polfilter, Stativ und Fernauslöser